Geistliche Entwicklung und kirchliche Landschaft

Bernd Oettinghaus

Gegenwärtige kirchliche Landschaft

Kirchen und Gemeinden in der Metropolenregion

Die großen Landeskirchen sind stark repräsentiert. Die Katholische Kirche deckt das Gebiet mit drei Diezösen ab (Mainz, Limburg und Fulda), was dazu führt, dass auch das Frankfurter Stadtgebiet dreigeteilt ist. Die Evangelische Kirche prägt durch die Evangelische Kirche Hessen Nassau das Rhein–Main-Gebiet im Südwesten (Kirchenleitung Darmstadt) und die Evangelische Kirche Kurhessen Waldeck prägt den Nordosten schon ab den östlichen Stadtteilen von Frankfurt (Bergen-Enkheim) über Hanau bis ins Kasseler Land. Rund um Aschaffenburg/Miltenberg ist die Evangelisch lutherische Kirche in Bayern verantwortlich und auf der katholischen Seite das Bistum Würzburg.

Eine franz. reformierte Kirche und eine deutsche reformierte Kirche sind selbständig organisiert. Die Orthodoxe Kirche ist vor allem in ihren ethnischen Ausformungen mit wenigen Gemeinden im Rhein–Main-Gebiet beheimatet (russisch-orthodox, koptisch-orthodox, armenisch-orthodox und griechisch-orthodox). Eine selbständige Lutherische Kirche gibt es mit der SELK seid dem Ende des 19. Jahrhundert.

Alle in Deutschland vertretenen Freikirchen sind ebenfalls im Rhein–Main-Gebiet vertreten. Die Methodistische Kirche hat sogar in Frankfurt ihren Bischofssitz. Alte Freikirchen wie die Mennoniten, Herrnhuter Gemeinden, Brüdergemeinden und die Altkatholische Kirche stehen neben Freikirchen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts wie Baptisten (Evangelisch freikirchliche Gemeinden), Frei-evangelische Gemeinden, Heilsarmee neben neueren Freikirchen wie der Kirche des Nazareners, Gemeinden im Bund freier Pfingstgemeinden aus dem Freievangelischen Gemeindewerk, der Anskarkirche und vielen neuen unabhängigen Gemeinden.

In den letzten Jahrzehnten der Zuwanderung sind unzählige christliche Gemeinden mit Migrationshintergrund entstanden, die mittlerweile nicht mehr nur die eigene nationale Bevölkerung sammelt, sondern auch mit Mitgliedern deutscher und internationaler Abstammung richtige multikulturelle Gemeinden bilden, die häufig zu keiner Denomination oder auch zu keinem freikirchlichen Zusammenschluss gehören. Es ist zu vermuten, dass in den städtischen Bereichen diese Gemeinden ein sehr großes Kontingent der missionarisch gesinnten evangelikalen Christen stellen. Landeskirchliche Gemeinschaften innerhalb der evangelischen Landeskirchen, Verbände wie der CVJM, sowie Stadtmissionen bilden in vielen städtischen Bereichen eigene Gemeindestrukturen aus.

Ein großer Teil der klassischen Großkirchen und Freikirchen ist im offiziellen Zusammenschluss der ACK (Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen) organisiert, der aber gerade im Umbruch ist. Ökumenische Frühstückstreffen und unterschiedliche Arbeitsgruppen wirken in vielfältiger Weise in den unterschiedlichen Städten. Missionarisch orientierte landeskirchliche Gemeinden und freikirchliche sowie unabhängige Gemeinden organisieren sich in unterschiedlichen Ortsgruppen der Evangelischen Allianz.

 

Christliche Ausbildungsstätten und Freizeitheime

Im Rhein–Main–Gebiet gibt es neben den theologischen Fakultäten der Gutenberguniversität Mainz, der Goetheuniversität Frankfurt und der Gießener Universität noch eine evangelische Fachhochschule in Darmstadt, die Lutherische Theologische Hochschule der SELK in Oberursel, die kath. Theologische Hochschule St. Georgen in Frankfurt und das freikirchliche Bibelseminar Beröa in Erzhausen (Darmstadt) als Ausbildungsstätte der Gemeinden im Bund freier Pfingstgemeinden.

Viele Gemeinden und Verbände haben das gesamte Rhein–Main–Gebiet mit Freizeitheimen und Familienbildungsstädten übersäht, an denen gerade im Erleben des ländlichen Raums den städtischen Christen durch einen solchen Abstand neue geistliche Erfahrungen ermöglicht werden sollen.

 

Mediale christliche Präsenz

Der offizielle Kirchenfunk ist Teil des Informationsbereichs der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender.  Das Medienhaus der Evangelischen Kirche in Deutschland mit seiner GEP (Gesellschaft Evangelischer Publizistik) ist in Frankfurt beheimatet und versorgt von hier aus mit dem epd die Journalisten mit Nachrichten aus der evangelischen Welt.

Am Rande des Rhein–Main–Gebiets ist der ERF als evangelikaler Rundfunksender beheimatet, der von hier aus nicht nur den deutschsprachigen Rundfunk, sondern auch Fernsehsendungen produziert. Die Redaktion von IDEA gilt als Sprachrohr der evangelikalen Welt in Deutschland und ist in Wetzlar beheimatet. Bistumsblätter und Ev. Kirchenzeitungen bringen die lokalen Nachrichten ihrer jeweiligen Denomination und Kirchenbezirke. Lange Zeit prägte der "Leuchter Verlag" die pfingstliche Literatur in unserem Land von Erzhausen aus. Der PJ-Verlag (Hochheim), der später von Schulte und Gerth (Aßlar) übernommen wurde, revolutionierte das Buch - und Medienangebot mit Titeln aus dem charismatischen Lager und ist heute ein Teil des Bertelsmannverlages mit klarem christlichem Gepräge. Der Moderne C+P Verlag (Glashütten) sah seinen Auftrag maßgeblich in der neueren Gemeindeaufbauliteratur. Ein auf kirchliche Belange spezialisierte Verlag ist Wort im Bild (Altenstadt).

 

Musikalische Spuren des Glaubens

Schon immer war das Rhein Main Gebiet durch starke geistlich musikalische und kulturelle Impulse bekannt. Große Liederdichter und Komponisten hatten hier ihre Heimat von der Klassik (Heinrich Schütz) bis hin zu den neuen geistlichen Bands (Habakuk, Duo Camilo, Claudia Lemperle Band etc.) oder Liederdichter wie der ehemalige Probst Trautwein, Eugen Eckert, die dem neuen geistlichen Lied viele Impulse gaben und letzterer noch immer gibt. Aber auch Liedermacher wie Manfred Siebald (Ev. Auferstehungsgemeinde Mainz) und Clemens Bittlinger (Rimbach/Od) prägten das geistliche Liedgut neben den vielen klassischen geistlichen Chören und Kirchenmusikern. Moderne Lobpreismusik wird in Deutschland vor allem auch von Arne Kopfermann (Ichthys-Gemeinde, Frankfurt)geprägt, der dieser Musikrichtung auch als Produzent verpflichtet ist. Lange Zeit lebte in Frankfurt auch Marion Warrington von Jugend mit einer Mission, die bahnbrechend in den 80er für diesen Musikstil im ganzen Land eine prägende Rolle einnahm. Aber auch singende Komiker wie Nimm Zwei (heute Super Zwei) kommen aus der Region.

 

Geistliche Entwicklung

Die Anfänge

Die Christianisierung des Rhein Main Gebiets geht schon auf die frühsten Grundlagen des 2. Jahrhunderts zurück, als das Christentum durch die Römische Besatzung der Wetterau von der  Stadt Mainz aus unter den Soldaten die ersten Anhänger fanden. Bis in die römische Stadt "Nidda" und weiter zu den Grenzkastellen des Limes wie der Saalburg.
Allerdings wurde durch die Rückeroberung der Chatten und Alemannen im 3. Jahrhundert mit der Vorherrschaft der Germanen das Christentum bis zu deren Christianisierung durch Bonifatius wohl auf die linksrheinische Mainzer Seite zurückgedrängt.

 

Nachreformatorische Entwicklungen

Seid den freiheitlichen Ereignissen um 1848 gab es immer mehr freikirchliche Strömungen im Rhein – Main – Gebiet durch das neue Versammlungsrecht, die seitdem mit ihren Gemeindebildungen im städtischen wie im ländlichen Raum der Region beheimatet sind (Methodisten, Baptisten, Ev. Freikirchliche Gemeinden, Mennoniten und die Heilsarmee. Sie blicken aber auf eine lange erweckliche und auch separatistische Tradition in der Region zurück. So war Frankfurt als freie Reichsstadt schon immer Zufluchtsort vieler religiöser Flüchtlinge aus dem ganzen europäischen Raum, die sich teilweise auch hier sesshaft machten (Hugenotten, Waldenser, schottische Reformatoren wie John Knox).

 

Anfänge des Pietismus

Die Grundschrift des erwachenden Pietismus in Deutschland die Pia Desideria wurde vom Frankfurter Pfarrer Phillip Jakob Spener 1675 in Frankfurt verfasst, der auch hier seine ersten Konventikel (Collegia pietatis) gründete (Bibelgruppen die sich im Pfarrhaus außerhalb des Gottesdienstes trafen) Durch die Isenburger Grafen wurden lange Jahre schon im Büdinger Land Seperatisten, religiöse Freigeister und Täufer und später mit Graf Zinzendorf  auch Herrnhuter Brüder beheimatet. Radikalpietisten wie Schütz, Fenda und Susanne von Klettenberg knüpften auch von hier aus Kontakte ins ganze Land und zu den überseeischen Gebieten in Amerika, wo sie sich mit den vielen deutschen Auswanderern für das religiöse Leben engagierten (besonders in Germantown, dem heutigen Philadelphia) und auch 1743 die erste deutsche Bibel in der Neuen Welt von Frankfurter Lettern gedruckt war. Der Pietismus mit all seinen facettenreichen Wirkungen prägte auf evangelischer Seite seid dem 17. Jahrhundert im Rhein–Main–Gebiet die erwecklichen Aufbrüche, die in vielen Fällten von den Erweckungszentren aus dem Dilltal oder Siegerland in die Städte getragen wurden. In rheinhessischen Gebieten waren auch katholische Pfarrer wie Josef Helferich aus Holzhausen an diesen volkstümlichen erwecklichen Aufbrüchen beteiligt. Auch die Irvingianer (katholisch apostolische Gemeinde) waren mit ihrem erwecklichen Theologen Wilhelm Thiersch 1848 in Frankfurt sehr populär. Sie erreichten nie die durchdringende Wirkung wie in den ländlichen Herkunftsorten aber fanden auch in den Städten viele Anhänger. 

 

Erwecklicher Aufbruch am Ende des 19.Jahrhunderts

Ende des 19. Jahrhunderts war eine innerkirchliche Aufbruchbewegung im Rhein-Main-Gebiet zu erkennen, ausgelöst durch Hinrich Wichern und seine mit viel Aufmerksamkeit bedachten Rede auf dem Wittenberger Kirchentag 1848. Überall wurden Vereine der Inneren Mission gegründet, die ein reges diakonisches Engagement mit tiefem geistlichem Leben verbanden. In diesem Zuge entstanden die unterschiedlichsten "Missionsvereine" und  zogen so das geistliche Leben in der Region in diese Kellner-, Stadt- Handwerkermissionen, Jungmännervereine, Mädchen- und Missionsvereine der unterschiedlichsten Art. Somit sprossen für die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen überall christliche Gruppierungen hervor. Krankenhäuser und soziale Einrichtungen wurden von Diakonissenhäusern, religiösen Vereinen und Stiftungen gegründet.

Die freikirchlichen Gruppen gründeten die Evangelische Allianz und andere konfessionsübergreifende Gruppen wie das CVJM fanden in der Region ein Zuhause. Es ist erwähnenswert, dass in jener Zeit das geistliche Leben sich oft überkonfessionell organisierte bis hin zu christlichen Arbeitervereinen, die allerdings noch im kath. Kolpingwerk einen starken Denominationscharakter fanden.

 

Nach dem zweiten Weltkrieg

Der Weltkrieg brachte dann einigen geistlichen Zerbruch und Hoffnungslosigkeit in das Rhein – Main - Gebiet , aber die vielfältigen christlichen Gruppen, Vereine, Gemeinden und Kirchen arbeiteten mit viel Kreativität und Engagement an der Weitergabe des Evangeliums bis zum dritten Reich. Die Bekennende Kirche und ihre Pfarrer in den entsprechenden Gemeinden waren oft der „Hort“ der christlichen Erbauung in der Zeit der Naziherrschaft. (Die Freikirchen standen immer nah an der Verbotsgrenze.) Nach dem Krieg gab es ein stark aufbrechendes geistliches Leben, besonders über die Jugendarbeit durch die aktiven Jugendverbände in der Region (z.B. Evangelisches Jugendwerk, Jugendwerk für Entschiedenes Christentum, CVJM und die Studentenmissionen). Auch die freikirchlichen Gemeinden aus den USA und England engagierten sich im geistlichen missionarischen Wiederaufbau, nicht immer ohne Konflikte mit den innerkirchlichen Aufbrüchen. Auch Prediger wie Billy Graham kamen 1960 zu Großevangelisationen nach Frankfurt. Gemeinden führten an vielen Orten Zeltmissionen durch und es kam zu Gemeindewachstumserfahrungen, die schnell in Neugründungen der Freikirchen in weiteren Städten der Region mündeten (oder sogar in einzelnen Stadtteilen der großen Städte) Bisher unbekannte Freikirchen wie die Kirche des Nazareners, Gemeinde Gottes, etc. kamen durch amerikanische Pastoren in die Region. Auch die noch vor dem Weltkrieg entstandenen Pfingstkirchen erfuhren viel Unterstützung aus dem Ausland.

 

Aufbrüche am Ende des 2. Jahrtausend

Ende der 70er Jahre begann die innerkirchliche charismatische Erneuerung sich auch im Rhein–Mein–Gebiet zu beheimaten. Die Königsteiner kath. Schwesternschaften bildeten ein starkes geistliches Zentrum und durch das Missionswerk PJ in Hochheim am Main gingen starke Impulse aus, die in den großen Kongressen mit John Wimber in der Frankfurter Festhalle ihren Höhepunkt erreichten. Lobpreisgottesdienste und einzelnen Gebetskreise, Jugendgruppen oder einige wenige Gemeinden wurde davon erfasst. Missionswerke wie Jugend mit einer Mission kamen dann in den 80/90er Jahren mit starken Jugendmissionarischen Impulsen zu den vielfältigen evangelistischen Bemühungen vieler Gemeinden, Werke und Vereine. Diese charismatischen Impulse bildeten dann auch die Grundlage für die Gemeindegründungswelle, die Ende der 90er zu vielen unabhängigen Gemeindegründungen im Rhein Main Gebiet führten. Große Gemeinden wie das Christliche Zentrum Frankfurt, Christliche Zentrum Wiesbaden, Ichtys-Gemeinde bereicherten die geistliche Landschaft auf neue Weise und wurden Magnete für neue geistliche Strömungen auch aus Übersee, worin auch viele Freikirchliche Gemeinden mit den aufgenommenen Impulsen folgten. Aber auch innerkirchliche Gemeindeaufbauarbeiten wie z.B. in Niederhöchstadt in der Andreasgemeinde wurden um die Jahrtausendwende zu Pilgerstätten für modernen Gemeindeaufbau über die Region hinaus. Daneben wird in vielen landeskirchlichen Gemeinden, katholischen Gemeinden und freikirchlichen Gemeinden sowie in den unterschiedlichsten landeskirchlichen Gemeinschaften kontinuierliches engagiertes evangelistisches Christsein in Wort und Tat gelebt.

Viele Kommunitäten und Gemeinschaften aus dem katholischen Bereich wirken bis heute in der Gestaltung der Alltagsfrömmigkeit mit ihren Exerzitien und Einkehrhäusern, mit Familienferienstätten und Klöstern. Auch Pfarrgemeinden werden davon beeinflusst. Ergänzt werden sie durch starke evangelische Kommunitäten wie die Ev. Marienschwesternschaft, die Jesusbruderschaft in Gnadenthal und die Offensive Junger Christen in Reichelsheim, die fast alle erst Nachkriegsgründungen sind und sich oft in der Auseinandersetzung mit Krieg und den 68ern profilierten.